Landro

Auf Spurensuche

 

Durch die Familienchronik, verfasst von dem Schriftsteller Johannes Nickol, bin ich auf Landro aufmerksam geworden.

Wo liegt Landro? Landro liegt im Höhlensteintal an einer historischen Verbindungstrasse zwischen dem Ort Toblach/Dobbiago im Pustertal und Cortina D´Ampezzo. Bei Schluderbach /Cabonin teilt sich die Straße und führt um das Cristallo – Massiv herum, um sich dahinter, in Cortina wieder zu vereinigen. Seinen Namen erhielt dieses Tal durch natürliche Höhlen am Talgrund unterhalb des Strudelkopf, dessen Wand mehr als tausend Meter aufsteigt.

 

Eine der Höhlen am Fuße des Strudelkopf, heute kletterwand

Dort, wo ein Gebirgsbach aus dem Dreizinnengebiet namens Rienz das enge Seitental verlässt, hat sich geologisch eine Fläche aus angeschwemmten Geröll und Gestein gebildet. Sie bildet eine Wasserscheide. Die Rienz mündet zum Teil in den Dürrensee mit Abfluss nach Süden Richtung Italien und nach Norden in Richtung Pustertal. Bei geringem Niederschlag fällt der Abfluss nach Toblach trocken. Es versickert jedoch auch sein Wasser im Untergrund und tritt weiter talabwärts wieder aus. Schon früh wurde hier der Wald gerodet und eine Weide geschaffen, die bis heute bewirtschaftet wird.

 Zeitgenössisches Zitat:

Die Vollendung der neuen Reichstrasse von Toblach nach Cortina d'Ampezzo im Jahre 1829, bewirkte gegenüber der alten, berühmt-berüchtigten Strada d'Alemagna eine grundlegende Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. Mit Eröffnung des regulären Postverkehrs im Jahre 1832, wurde Höhlenstein zur k.k. Poststation und Herr Josef Baur zum k.k. Postmeister

Josef Baur

Herr Josef Baur war einer der ersten Pioniere des Fremdenverkehrs und erkannte wohl vor vielen anderen, welch immenses Potential darin, für die Entwicklung der gesamten Region steckte. "Die wirklich vortreffliche Unterkunft und Bewirtung, die man hier im Hause des Herrn Baur findet, verbunden mit der liebenswürdigsten und freundschaftlichen Unterstützung, die der Reisende für alle seine Wünsche und Zwecke und Pläne erhält. Landro ist Poststation, die einzige zwischen Toblach und Cortina d'Ampezzo. Herr Baur hat in den letzten Jahren das Gasthaus umgebaut und sehr erweitert, überdies ein zweites großes Haus auf der anderen Straßenseite gebaut und hier eine "Pension" unter bescheidenen Bedingungen eingeführt". Mit diesen Worten großen Lobs, beschreibt Paul Grohmann im Jahre 1877, seine Erfahrungen im Hause des Herrn Baur.

 

Landro nach 1900, im Hintergrund das Cristallomasiv nach einer alten Postkarte

Die Verbindung gewann im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung und aus dem einstigen Karenweg wurde 1832 die k.u.k. Poststraße. Landro war dort die einzige Poststation auf dieser Strecke, an der bis 1914 Kutschen zum Pferdewechsel halt machten.

Der erste Postmeister war Johann Baur, der später zum geschätzten Gastwirt und Hotelier aufstieg. Er baute hinter den Pferdeställen an exponierter Stelle ein Gasthaus, welches stetig erweitert wurde. So entstand hier im Laufe der Zeit ein Hoteldorf mit 400 Betten.

Von der Terrasse hatte man einen wunderbaren Blick durch das Rienztal zu den Drei Zinnen und auf das Cristallo – Massiv, welches sich gegen Abend malerisch im Dürrensee spiegelt.

Josef Baur konnte auf die Brauerfahrung seiner Vorfahren zurück greifen, die in dieser abgelegenen Gegend eine Pfanne errichtet hatten und ihr begehrtes Bier bis weit nach Italien/ Venetien hinein vertrieben

 Ab 1863 erfuhr der Alpinismus einen enormen Aufstieg durch Erstbesteigungen sämtlicher Gipfel und auch der Begriff Dolomiten bürgerte sich ein.

Dann, 1871 wird die Bahnlinie durch das Pustertal eröffnet und Ströme von Touristen aus den Großstätten ergossen sich in die Berge. Ab 1907 kamen auch die Autos hinzu, die auf den unbefestigten Strassen den Staub aufwirbelten.

Josef Baurs Hotel wurde bald zum begehrten Ziel und es stieg bei ihm alles ab, was Rang und Namen hatte. Selbst der belgische König hat dort mit seinem Gefolge in einem eigenen Gebäude jahrelang residiert.

 Auch meine Familie hat diesen Ort mehrmals besucht, denn in der Chronik des Schriftstellers Johannes Nickol findet Landro mehrfach Erwähnung. Entdeckt hat diesen Ort der Maler Adolf Nickol, den er 1867 das erste mal besuchte.

 Und so beschreibt Johannes Nickol seine Eindrücke: Einige Ausschnitte seien hier wieder gegeben:

 „Von Innsbruck ab gab es viel zu schauen auf der Brennerbahn, die ich später immer wieder mit Freuden befahren habe. In Franzensfeste stiegen wir um in die Pustertalbahn, die uns nach Toblach zur Wasserscheide zwischen Rienz und Drau brachte. Hier endete damals und noch lange darauf der Schienenweg für uns. Zu Wagen ging es dann nach Süden ins Ampezzotal bis Landro (Höhlenstein) ins Gebiet der Dolomiten.

 Landro bestand (1879) nur aus dem alten Gasthof „ Zur Post“, der seit langem im Besitz der Familie Baur war. Onkel Adolph war hier als häufiger Gast schon ein Freund der Familie geworden, und so wurden wir sogleich sehr freundlich aufgenommen. Das behäbige Haus hatte unten eine große Diele, hinten den Speisesaal, dahinter Wirtschaftgebäude und Garten und gegenüber auf der anderen Straßenseite noch ein Logierhaus. Hinter diesem floss ein Bach, der den oberen Lauf der Rienz bildete. Dahinter ein Weg mit Felsen, der in den Wald hinauf führte, während hinter dem Haupthause mehr freier Raum war, von dem aus man den Monte Piano, einen leicht zu besteigenden Solitär mit schöner Rundsicht gelangte.

Weiter südlich führte die Landstrasse nach Schluderbach, nach Cortina, nach dem Misurinasee und nach Italien.

Auf dieser Strasse zur linken erblickte man sehr bald den schönen Dürrensee, hinter dem sich fast 3000 m hoch jäh der Klotz der 3 Zinnen emporreckte, am Tage im grau des Kalksteins, bei Sonnenuntergang wie von einem Feuer erglühend.

Im Hause ging es gemütlich patriachalich zu. Die freundliche Frau Baur war die Seele des Hauses. Die Töchter bedienten mit bei Tisch. Die Jüngste war das „Fräulein Post“, sie war besonders beliebt, da durch ihre Hände der Verkehr mit der Außenwelt ging.

Ich war von all dem neuen, das ich zu sehen bekam, sehr beglückt. Ich fand auch ein paar Knaben, ungefähr in meinem Alter – der eine war aus Triest – mit denen ich verkehren konnte. Auch am Boccia, das die erwachsenen Jugend spielte, durfte ich teilnehmen. Es ist ein italienisches Kugelspiel. Eine rote Kugel wird ausgeworfen, zwei Parteien, eine mit weißen, eine mit schwarzen Kugeln müssen sich bemühen, möglichst viel Kugeln ihrer Farbe in die Nähe der roten Kugel zu bringen, wobei es besonderer Kunst bedarf, feindliche Kugeln wieder vom Ziele weg zu boxen.

Außer Spaziergängen machten wir zwei Wagenpartien, eine nach dem schon ganz italienischen Gepräge aufweisenden Cortina, eine andere nach dem schon auf italienischen Gebiet liegenden Misurinasee. Hier ging es durch eine weltverlorene Landschaft und der See enttäuschte uns auch. Nur eine Bretterbude befand sich an unserem Ziel, wo ein Italiener bloß etwas Wein zu bieten hatte. Als ich nach 1900 den See auf einer Wanderung durch das Dolomitengebiet wieder berührte, hatten die Italiener ihn „dem Fremdenverkehr“ erschlossen und einen langen Hotelkasten brutal an seinem Südufer aufgebaut.

Einen anderen Ausflug nach Innichen (hinter Toblach) veranstaltete in einem großen Reisebus mit Dachplätzen ein dort kurze Zeit anwesendes Mädchenpensionat. Die anwesenden jungen Herren wären gar zu gerne mitgefahren, aber die gestrenge Anstandsdame gestattete nur uns ungefährlichen Jungen die Mitfahrt.

Am nächsten Tag zur Kaffeezeit ertönten plötzlich Trompetensignale. Alles stürzte an die Fenster oder auf die Strasse. Da öffneten sich zahlreiche Fenster beiderseits der Strasse und es flogen Decken, Rucksäcke und Taschen herunter, zugleich erschienen die jungen Herren, die ihre Sachen und sich in dem Omnibus verstauten und nun eine Herrenpartie veranstalteten bei der die Mädchen nun das Nachsehen hatten. Aber es war nur ein Bluff: nach einer halben Stunde kam der Omnibus schon wieder zurück.

Wie alles schöne nahm auch diese glückliche Ferienzeit ein viel zu frühes Ende.“

 Oder an anderer Stelle noch mal:

 „Im folgenden Jahr (1879) waren wir erst am Achensee, dann in Landro (Höhlenstein) im Ampezzotal, dass er besonders gern aufsuchte und wo er in der „Post“ bei der Familie Baur ein gern gesehener und befreundeter Stammgast war. Diese Gegend bot uns mit dem bei Sonnenuntergang feurig erglühenden Dolomitenfelsen „Drei Zinnen“, (Der Dürrensee ist in vielen Jahrzehnten durch Ablagerungen des Bergbaches viel kleiner geworden und liegt nicht ganz mehr davor) die sich in den davor liegenden Dürrensee spiegelten, ein Glanzstück alpiner Szenerie.“

„Auf meinen Alpenwanderungen besuchte ich ihn (den Maler Adolf Nickol ) etwa 1896 in Landro, wo er am häufigsten sein Sommerquartier bei „Baurs“ hatte. Ich hatte eben eine Dolomitenwanderung hinter mir, und kam gerade an, als das Mittagsessen vorüber war, und fand meinen Großonkel auf der Treppe zum Speisesaal lebhaft sprechend, wo die Gräfin Wriesberg mit Gefolge halt gemacht hatte, nur um ihm zu zuhören. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich ihn begrüßen konnte. Gräfin Wriesberg von bürgerlicher Abkunft, war seine Schülerin gewesen und blieb ihm freundschaftlich verbunden.

Um diese Zeit malte er nicht mehr, sondern genoss seine Muße und die herrliche Natur.“

Soweit die Chronik der Familie Nickol.

 Adolf Nickol war nachweisbar 15 mal in Landro und hatte dort auch seine Staffelei aufgestellt. Vielleicht war dies mit 72 Jahren seine letzte große Reise in die Alpen gewesen. Die Werksliste enthält mindestens zwei Titel, die direkt auf Landro und den Dürrensee hinweisen. In den Archiven der Braunschweiger Museen finden sich zudem Dutzende hervorragende Bleistift- und Ölskizzen der Dolomiten. 1880 schuf er mehrere Tierporträts von den auf der Weide stehen Schafen, außerdem Dutzende Pastelle mit Motiven aus den Rienztal und Umgebung, die die damals noch wilde sehr unberührte Berglandschaft meisterlich darstellen.

 Johannes Nickol war auch mehrfach in Landro, das erste mal mit 10 Jahren. Dies geht aus seiner Familienchronik hervor.

 Ein jähes Ende fand der Tourismus durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Schon 1881 bis 1891 hatte das Militär am Ende der Wiese etwas erhöht am Fuße des Rautkofel ein Werk zu Verteidigungszwecken gegen Italien errichtet. Auch eine einspurige Material - Kleinbahn war in das Tal hinein verlegt worden. Das Werk war bei Ausbruch des 1. Weltkrieges mit veralteter Waffentechnik ausgerüstet und spielte keine militärisch entscheidente Rolle mehr.

 

Links das Werk, heute im Wald, Mitte die Wiese

Einen Tag vor Kriegsbeginn wurde das gesamte Hoteldorf trotzdem durch das eigene Militär vermint und in die Luft gesprengt. Man wollte vorbereitet sein. Die Gebäude verhinderten ein freies Schussfeld Richtung Italien. Baurs hatten gerade noch Gelegenheit die persönlichsten Dinge zu retten.

Die Kriegshandlungen in den später heiß umkämpften Dolomiten begannen aber erst im Mai 1915 an ganz anderer Stelle.

 

Überreste der Hotelanlage mit Einschußloch

Josef Baur, so wird berichtet, soll sich vor Verzweiflung zehn Tage lang im Wald verkrochen haben. Man glaubte schon an Selbstmord, was niemand verwundert hätte. Ist doch der Verlust allen Eigentums ein herber Schrecken, den jeden ereilen kann und gegen den nur die abgeklärtesten gefeit sind. Aber dann tauchte er, den schlimmsten Schmerz überwunden, wieder auf.

Baur hatte 1901 am Toblacher See, weiter unten im Tal, ein weiteres Hotel errichten lassen. Nach dem Krieg wurde das Hotel wieder eröffnet. Dadurch war die Existenz gerettet und ein Neubeginn möglich.

Was ist aus der Familie Baur geworden?

Das Haus am Toblacher See steht heute unter der erfolgreichen Leitung von Thomas Baur.

Seine Mutter Maria Antonia Franchi - Baur hat 1985 in Landro auf den Fundamenten des zerstörten Hotels ein wunderbar in die Landschaft eingepasstes modernes Hotel mit dem stolzen Namen „Drei Zinnen“ eröffnet und führt ebenfalls die Tradition der Baurs fort.

 

Das heutige Hotel „Drei Zinnen“, die Kapelle und der Wald

 

Wer nur kurz verweilt, wie tagsüber die flüchtigen Besucher der Kaffeebar des Hotels oder die Knipser, die im vorbei fahren mal schnell ein Foto der wunderbaren Berge machen wollen, wird nichts von diesem geschichtsträchtigen Ort erfahren.

Die Kachellung verrät uns den Stantort des einstiegen Hotels

Sie bemerken nicht die ungewöhnliche Kachelung am Rande der asphaltierten stark befahrenen Strasse schräg gegenüber. Und warum ist da am Waldrand eine Einzäumung aus hellem Granit und schwarzem Metallgitter, die gar nicht in die Landschaft zu passen scheint? Solche Zäune findet man gewöhnlich als Einfriedung bei Friedhöfen.

Dieser Zaun markiert keinen Friedhof. Doch ist hier etwas begraben. Unter inzwischen fast hundert jährigen Tannen verbergen sich aufragende Mauerreste mit Einschusslöchern durch großkalibrige Waffen und flachere überwachsene Erdhügel mit Mauerresten. Man findet auf dem Waldboden noch vereinzelt Scherben aus Porzellan. An einigen Stellen lassen halb verschüttete Gruben ehemalige Keller erahnen.

Es handelt sich um die Überreste der Hotelanlage der Baurs östlich der Strasse.

Die kleine Kapelle hat bis heute überlebt, gegenüber der Zaun, davor die Kachelung

Die kleine Kapelle auf der anderen Straßenseite, die auf fast allen alten Ansichtskarten aus dieser Zeit zu sehen ist, wurde damals verschont. Sie lag nicht im Schussfeld der Artillerie und war auch nicht sehr hoch. Die kleine Kapelle hat viel erlebt und gibt uns Hoffnung, dass eine so sinnlose Zerstörung und der Wahnsinn des Krieges hier nicht wieder einkehrt.

Auf der großen Wiese gegenüber des Hotels weiden heute wieder friedlich die Kühe. Sie ahnen nicht, dass der unebene Grund einst durch die Einschläge von Granaten entstanden ist.

Bergwanderer streben durch das Rienztal den Drei Zinnen zu. Ruhe herrscht seit langem wieder im Tal, höchstens unterbrochen von den vorbei fahrenden Autos oder dem läuten der Kuhglocken. Auch die Kleinbahn existiert nicht mehr – die Trasse wird heute gerne von den Mountain – Bikern genutzt. Der kleine Bahnhof dient als Unterkunft der Kletterfreunde.

Man kann wieder wie eh und je die einzigartige Bergwelt von der Terrasse der Baurs aus genießen. Möge es noch lange so bleiben wünscht sich Norbert Nickol, damit auch noch nachfolgende Generationen an dem Erlebnis teilhaben und die Gastlichkeit der Baurs genießen können.

 

Hanau, den 26.08.08.

NN

 

 

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